Dr. Rouven Schneider | Saarbrücken
Evolutionäre Partnerschaft

Tipps & Ratschläge

Bild: Dr. Rouven Schneider, Paartherapeut

 

für Paare und Familien während der Kontaktbeschränkung und Quarantäne


Hier ein ausführliches Interview mit vielen Tipps und Anregungen zum Thema Partnerschaft und Familie unter den gegebenen Ausgangsbeschränkungen.


Es kann sehr belastend sein, aus dem Alltag heraus zu treten und plötzlich einen ganz anderen Tagesablauf zu haben. Unsere Gewohnheiten geben uns Sicherheit und Halt – und eben dies fehlt uns in ungewohnten Situationen. Umso schwerer wird die Situation, wenn mehrere Menschen in solch einer Situation zusammen sind; auch wenn es die eigenen Kinder oder der Partner bzw. die Partnerin sind; wir kennen dies vom lang ersehnten Urlaub oder den Ferien, die ehrlich gesagt selten so harmonisch sind, wie wir uns das eigentlich vorher vorgestellt haben.

Zur Zeit kommt noch eine erhebliche Belastung hinzu. Die Besorgnis um Verwandte und Freunde, die möglicherweise zur Risikogruppe gehören, existenzielle Sorgen oder Nöte und eine Einschränkung der Aktivitätsmöglichkeiten.

Im Folgenden findest Du Tipps und Ideen, die die Situation entspannen oder zumindest erträglich werden lassen können, wenn es Spannungen gibt – und wer weiß, vielleicht ermöglicht uns der Corona-Virus letztlich eine Zeit von neuer Nähe und Verbindung.


Offen über Ängste und Sorgen reden

Unser Fell wird dünner und die Nerven liegen in so engem Kontakt bei solchen Umständen schnell blank. Das erschafft inneren Druck. Druck muss raus – es ist also ratsam, sich auszudrücken! Dabei geht es nicht darum, aus allem eine Diskussion werden zu lassen, sondern nur darum, dem anderen und sich selbst eine Rückmeldung zu geben, wo man gerade emotional steht.

In etwa: „Mensch, ich finde diese Berichterstattung langsam echt nervig“, „Ich mache mir langsam echt Sorgen um die Finanzen, Oma, die Zukunft…“, „Ich brauche dringend mal wieder etwas Zeit für mich.“ Das Gegenüber sollte sich möglichst mit Lösungsvorschlägen für so geäußerte Themen zurück halten – oft geht es nicht um eine Klärung des Themas sondern einfach nur darum, in dem, was mich beschäftigt gesehen zu werden.

 

Offen über Zuneigung und Dankbarkeit reden und diese zeigen

Im umgekehrten Fall ist dies natürlich ebenso wichtig!
„Es ist schön, dass Du da bist.“, „Ich fühle mich sicherer, da wir beide zusammen in dieser Situation stecken.“, „So viel Zeit zusammen hatten wir lang nicht mehr…“.

 

Bewusst vom Alltagsablauf abweichen

Normalerweise bestimmen äußere Einflüsse wie Arbeitszeiten, Schulbeginn und -ende, Sporttermine etc. unseren Alltagsablauf. Glücklicherweise ist dies eine Möglichkeit davon mal auszubrechen und den Ablauf wirklich den Gegebenheiten und Erfordernissen anzupassen.

Wenn die Kinder mal nicht um 21 Uhr im Bett sind – wunderbar!

Wenn das Essen nicht um 12 Uhr auf dem Tisch steht – wunderbar!

Wenn nicht ab spätestens 20 Uhr der Fernseher läuft – wunderbar!

Wenn man bis 10 Uhr schlafen kann und sein Homeoffice und die Heimarbeit auf den Nachmittag oder Abend schieben kann – wunderbar!

Zelebriert EUREN Ablauf und passt alles EUREN Bedürfnissen an.

 

Sich gezielt Auszeiten nehmen

Es ist wichtig, sich auch mal aus dem Weg zu gehen und sich nicht verpflichtet zu fühlen, ständig etwas miteinander tun oder interagieren zu müssen. Ihr solltet euch da ehrlich einander zumuten und durchaus frühzeitig anmelden, dass ihr Bedürfnisse habt.

„Du ich kann hier bald nicht mehr, kannst Du bitte spätestens in einer halben Stunden die Kinder beaufsichtigen, ich muss brauch mal eine Auszeit.“, „Ich würde lieber allein spazieren gehen, sei nicht böse.“, „Ich nehme mir mal eine Auszeit in der Wanne und möchte gerade meine Ruhe haben.“, „Komm, wir reden später weiter, jetzt streiten wir uns nur gleich wieder.“

Solche Dinge sollten schon drin sein und gehören zur emotionalen und selbstregulativen Hygiene. Sie beugen somit dem Lagerkoller vor.

 

Gereiztheit eingestehen

Wenn ihr euch wirklich gerade nicht mehr riechen könnt und Streit ständig unvermeidbar scheint, gesteht es euch ein! Es gibt nichts schlimmeres, als sich in einer nervigen oder belastenden Situation gefangen zu fühlen. Die Ausgangsbeschränkung und eine Quarantäne wird lang anhalten. Wenn euer Kontakt zu einer zusätzlichen Belastung wird und ihr es nicht hinbekommt, die Situation zu entschärfen, gesteht es euch ein und geht euch ohne weiteres Öl ins Feuer zu gießen zumindest verbal so gut wie möglich aus dem Weg.

Wenn Du in Dir bemerkst, dass Du wirklich aggressiv wirst und drauf und dran bist, verbal sowie physisch Grenzen zu überschreiten, dann ist es HÖCHSTE ZEIT, Dich eigenverantwortlich zu regulieren. Nichts kann häusliche Gewalt rechtfertigen, weshalb es Deine eigene Aufgabe ist, diese zu verhindern. Damit meine ich wirklich, dass es besser ist, dir den Arm abzubeißen, bevor Du den Kindern oder Deinem Partner bzw. Deiner Partnerin gegenüber gewaltsam wirst. Wenn Du in Dir die Aggression ansteigen spürst, geh sofort raus aus der Situation. Geh spazieren, mach sofort Liegestütze, geh joggen, lauf einfach los, was auch immer. Tu nichts, was Du hinterher bereust!

Wenn Du als Frau oder Mann von häuslicher Gewalt betroffen bist, kannst Du rund um die Uhr kostenfrei das Hilfetelefon anrufen unter der Nummer 08000-116016 oder hier Beratung und Hilfe finden. Der „Weiße Ring“ hilft Opfern von Gewalt. Auch Männer, die ein Aggressions- und Gewaltproblem haben, können (frühzeitig) Hilfe und Beratung bekommen. Öffentliche soziale sowie kirchliche Träger geben Unterstützung und Hilfestellung. Im Akutfall immer direkt an die Polizei wenden.

 

Kuscheln (auch) ohne Sex

Wir sind aufgrund von den notwendigen Bestimmungen sehr isoliert. Wenn ihr aber sowieso auf engem Raum zusammen seid, nutzt dies auch. Gezielte Kuschelzeiten dem Partner oder der Partnerin, mit den Kindern, bzw. der ganzen Familie wirken nicht nur verbindend, zärtlicher, ruhiger Körperkontakt schüttet Hormone aus, die den Stresslevel senken, das Immunsystem stärken und die Stimmung heben. Wenn es sich schön anfühlt kuschelt viel!

 

Medien gezielt nutzen

Die minutiöse Berichterstattung ist wichtig und notwendig. Und natürlich will man informiert bleiben.

Es ist jedoch wichtig, das Thema Corona auch mal in den Hintergrund treten zu lassen, denn es vereinnahmt uns und erzeugt Unsicherheit, Druck und Ängste. Dies bindet die Aufmerksamkeit und überfordert letztlich.

Leg das Handy mal weg, lass das Radio und den Fernseher mal aus und verbringt auch mal Zeit mit anderen Themen oder ganz in der Stille. Wenn ihr sprecht, esst, einen Film schaut, mit den Kindern spielt etc. versuche präsent zu sein und nicht die ganze Zeit mit einem Ohr und dem halben Hirn bei anderen Themen. Trenne ganz klar zwischen „Info-Zeit“ und „Interaktions-Zeit“.

 

Musik, Sport und Spiel

Nutzt die Zeit!
Fang ein neues Hobby an, sortiere endlich mal Deine Briefmarkensammlung neu, mach laut Deine Lieblingsplaylist an (ja, Kinder dürfen auch normale Musik hören und nicht nur Benjamin Blümchen!) und hört nicht nur Radio (das ist viel schlimmer für Kinder!).

Tanzt, macht Sport, spielt der Boden ist Lava, macht Theaterimprovisationen, singt, trommelt, macht mal was Verrücktes. Und zwar nicht nur mit den Kindern sondern auch als Erwachsene. Spielen ist ein in uns Menschen, wie auch in Tieren natürlicher Regulationsmodus erfüllt wichtige psycho-soziale Funktionen.

 

Ich wünsche uns allen, dass wir die momentane Zeit miteinander in der Retrospektive als verbindende und die Partnerschaft stärkende Zeit empfinden werden.

Bleibt gesund!


Beziehungs-Wiki

Das Beziehungswörterbuch – Partnerschaft und Sexualität von A bis Z (im stetigen Ausbau – welche Themen interessieren Sie? Schreiben Sie mich an und ich nehmen es in den Wiki auf.)


 

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Bild: Coachingausbildung